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Aktuelles - Juli 2010

Die Freiheit des Menschen

Antrittsvorlesung von Prof. Dr. Thomas Sören Hoffmann an der FernUniversität in Hagen

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Zur „Freiheit“ hat die Philosophie eine besondere Affinität, sie ist eines ihrer Grundwörter. Johann Gottlieb Fichte hat beispielsweise die gesamte Philosophie auf diesen Begriff gestellt.

Was bedeutet „Freiheit des Menschen“? Unter anderem dieser Frage ging Prof. Dr. Thomas Sören Hoffmann in seiner Antrittsvorlesung an der FernUniversität in Hagen nach. Seit August 2009 Vertreter von Prof. Dr. Kurt Röttgers, der zuvor pensioniert worden war, wurde Hoffmann im Oktober als Leiter des Lehrgebiets Philosophie II: Praktische Philosophie zu dessen Nachfolger ernannt. Der Dekan der Fakultät für Kultur- und Sozialwissenschaften Prof. Dr. Theo J. Bastiaens hieß den neuen Kollegen im Namen der gesamten Hochschule herzlich willkommen.


Äußerer und innerer Freiheitsbegriff

„Das Wort ´Freiheit´ meint seiner Grundbedeutung nach, dass man sich selbst besitzt und man Man-selbst sein kann. Auch und gerade im Gegenüber zum Anderen und Fremden“, so Hoffmann. In diesem Sinne wurden die Worte „frei“ und „Freiheit“ schon im Platonismus als „die Herrschaft über sich besitzend“ und „selbstständige Lebensführung“ definiert. Zunächst ist dabei auf einen äußeren Freiheitsbegriff gezielt, der in Beziehung auf den Staat und seine Gesetze steht.

Ohne Gesetze gibt es keine Autonomie des Staates, keine politische Selbstständigkeit und damit auch keine freien Menschen. In der Antike waren keineswegs alle in einem politischen Sinne frei; zugleich aber konnte nur umfassend frei sein, wer dies im Rahmen der Gesetze des Staates war. Noch bei Platon findet sich aber dann der Übergang zu einem Begriff „innerer Freiheit“. Die staatliche Herrschaft sollte in den Händen „innerlich freier“ Menschen liegen, der Philosophen.

Wenig später lehren die Stoiker, dass innere Freiheit sich unter keinen Umständen von äußeren Gegebenheiten einschränken lasse. Der Raum der Freiheit ist jetzt die Welt im ganzen, die als in sich vernünftig verstanden wird. Wer das akzeptiert und seinen eigenen Willen dieser „Vernunft der Welt“ unterwirft, ist innerlich frei. Aber kann man von „Freiheit“ sprechen, wenn es nur darum geht, sich dem Weltlauf zustimmend einzufügen? Verweist das Wissen um „Freiheit“ nicht auf die Möglichkeit, an den Gegebenheiten etwas ändern zu können? An dieser Stelle kommt die Frage nach dem „freien Willen“ ins Spiel.


Gruppenbild: Prof. Dr. Theo Bastiaens, Dekan der Fakultät für Kultur- und Sozialwissenschaften, Regina Zdebel, Kanzlerin der FernUniversität, Prof. Dr. Thomas Sören Hoffmann, Prof. Dr.-Ing. Helmut Hoyer, Rektor der FernUniversität und Prof. Dr. Kurt Röttgers Waren gespannt auf die Antrittsvorlesung von Prof. Dr. Thomas Sören Hoffmann (Mitte): Prof. Dr. Theo Bastiaens, Dekan der Fakultät für Kultur- und Sozialwissenschaften, Regina Zdebel, Kanzlerin der FernUniversität, Prof. Dr.-Ing. Helmut Hoyer, Rektor der FernUniversität und Prof. Dr. Kurt Röttgers (v.r.n.l.)

Willensfreiheit: Das Bewusstsein, mehrere Handlungsoptionen zu haben

Gibt es den freien Willen? In den Medien wird immer wieder die Frage diskutiert, ob das Strafrecht in seinen Grundbegriffen so geändert werden soll, dass es nicht auf die Eigenverantwortlichkeit des Täters abstellt, sondern an die sozialen Ziele der Gesellschaft anknüpft. Neurobiologen fordern diese Änderung der Grundbegriffe mit der Begründung, Freiheit, Schuld und Verantwortlichkeit seien keine naturwissenschaftlich fassbaren Tatsachen. „Keiner kann anders als er ist“, zitierte Hoffmann dazu den Frankfurter Hirnforscher Wolf Singer.

Die Philosophie hingegen weiss, dass man, was Willensfreiheit meint, in der Perspektive der Naturwissenschaften niemals sachgerecht rekonstruieren kann. Hoffmann warnte zugleich davor, die Freiheitsproblematik allein auf die Frage nach der Willensfreiheit zu beschränken. „Die Gefahr besteht vor allem darin, dass man ‚Freiheit’ damit zu einem Thema des theoretischen Denkens und zu einer objektiven Größe macht. Sie ist aber kein fixierbarer Gegenstand. Sie ist Grund und Zweck unseres Handelns.“

So handele es sich bei der Willensfreiheit um ein „Könnensbewusstsein“, ohne das es kein eigentlich menschliches Handeln und auch kein Selbstverhältnis im Handeln gibt. Der Mensch hat dieses Bewusstsein, insofern er als Vernunftwesen sein Handeln über allgemeine und kommunikable Begriffe reflektieren kann und sich nicht wie das Tier nur instinktgeleitet verhält. „Der Mensch hat einen freien Willen, weil er das, was er tut, als nur eine von mindestens zwei Möglichkeiten ansehen kann. Insofern er die Alternative denken kann, ist er schon frei“, erklärte Hoffmann.

Qualifizierte Freiheit: Anerkennen von Regeln und Gesetzen

„Frei“ ist der Mensch deshalb aber noch nicht in jedem Sinne. Über die Willensfreiheit hinaus geht die „qualifizierte“ Freiheit: die Freiheit nicht nur von äußerem Zwang, sondern zu vernünftigen Zielen. Hoffmann wählte das Beispiel einer französischen Grammatik, mit der man im Sinne der Willkürfreiheit sehr vieles tun kann: Man kann sie etwa als Unterlage für eine Pflanze verwenden oder sie im Ofen verheizen. Aber erst dann, wenn man die Grammatik ihrem Zweck entsprechend – nämlich als Mittel, um eine Fremdsprache zu erlernen – verwendet, steigert man Freiheit qualitativ. Wer eine Sprache beherrscht, kann sich in dem jeweiligen Land verständigen und freier bewegen als derjenige, der diese Kenntnisse nicht hat. Indem man sich diese Freiheit verschafft, akzeptiert man zugleich einen Verlust von Freiheit, indem man bestehende grammatikalische Regeln anerkennt. Mit einer selbst ausgedachten Grammatik würde man sich ja nicht ohne Barrieren unterhalten können und hätte so keinen Zugewinn an Freiheit.

Ebenso verhält es sich mit ethischen Regeln und den Gesetzen. Menschen „können“ sich gegen Regeln und Gesetze entscheiden. Konkrete, „qualifizierte“ Freiheit gibt es aber nicht da, wo es keine Regeln und Gesetze gibt. Es gibt sie nur da, wo wir in ihrer Anerkennung auch die Freiheit der Anderen anerkennen. Die Philosophie, so Hoffmann, kann dazu beitragen, dass in der menschlichen Lebenswelt das Freiheitsbewusstsein nicht verschwindet. Sie kann dazu beitragen, das Leben der Menschen freier zu machen.


Manuela Feldkamp | 23.07.2010
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